Köln: 07.–11.10.2023 #anuga

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Ernährungsindustrie im Krisenmodus

Unsicherheit als Preistreiber vor wirklichem Mangel

Selten waren die Zeiten für die Wirtschaft allgemein und die Ernährungsindustrie im Besonderen derart herausfordernd wie derzeit. Von der größten Rohstoffkrise seit dem Zweiten Weltkrieg spricht die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE), der wirtschaftspolitische Spitzenverband der deutschen Ernährungsindustrie und zugleich ideeller Träger der Anuga, die vom 7. bis 11. Oktober 2023 in den Hallen der Koelnmesse GmbH stattfindet. Hinter Ausstellern und Besuchern der weltgrößten Fachmesse der Ernährungswirtschaft und Nahrungsmittelindustrie liegen dann mehr als drei Krisenjahre. Wie die Lage der Dinge im Oktober 2023 konkret sein wird, wagt heute niemand einzuschätzen.

Fest steht aber, derzeit – im Frühsommer 2022 – herrscht große wirtschaftliche und politische Unsicherheit, die sich im ifo-Geschäftsklimaindex widerspiegelt, der im März 2022 auf minus 15,1 Punkte fiel. Auch der Abwärtstrend der Stimmungslage bei den Verbrauchern setzte sich im März laut GfK Konsumklima fort, und zwar sowohl im Hinblick auf die Konjunktur- und Einkommenserwartung als auch auf die Anschaffungsneigung. Insgesamt eine Entwicklung, die wenig verwunderlich ist, lag doch die Inflationsrate in Deutschland im April 2022 bei 7,4 Prozent, europaweit bei 7,5 Prozent. Gleichzeitig stiegen im Vorjahresvergleich sowohl die Lebensmittelpreise als auch die allgemeinen Verbraucherpreise um 5,1 Prozent. Viele Verbraucher müssen bereits jetzt den Gürtel deutlich enger schnallen.

Landwirtschaftliche Erzeugung, Copyrights Shutterstock

Landwirtschaftliche Erzeugung, Copyrights Shutterstock

Hintergrund für die Preissteigerungen ist die Tatsache, dass sich bereits vor und erst recht mit der Corona-Pandemie Agrarrohstoffe, Verpackungen und Energie sowie als Folge auch der Transport massiv verteuert haben. Im Vergleich zu 2020 stiegen die Preise von Rohstoffen 2021 um 32,6 Prozent, von Erdgas um 397,1 Prozent, von Frachtcontainern um 226 Prozent (12/2020 zu 12/2021) und von Verpackungsmaterialien aus Holz um 52,2 Prozent. Allein im März 2022 legten die Energiepreise um 40 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat zu. Zugleich ist die Ernährungsindustrie sehr energieintensiv: Produkte müssen erhitzt oder gekühlt, gemahlen, gepresst oder gemischt werden. Rund 80 Prozent der landwirtschaftlichen Erzeugung in Deutschland werden mit mehr oder weniger energieintensiven Verfahren weiterverarbeitet. Zudem sind Agrarrohstoffkosten einer der größten Kostenfaktoren für die Lebensmittelproduktion. Steigende Energie- und Rohstoffkosten stellen somit eine zusätzliche Belastung für die Unternehmen dar und werden sich mittelfristig auf die Verbraucherpreise auswirken.

Versorgungslücken und kriegsbedingte Kostensteigerungen

Der Ukraine-Krieg beschleunigt den Trend zu steigenden Lebensmittelpreise drastisch, die bereits zuvor aufgrund von höheren Energiekosten, Klimawandel, politischen Vorgaben wie Tierwohl und anderen Faktoren zulegten. Dennoch gibt es zum jetzigen Zeitpunkt keine Versorgungslücken. Experten gehen davon aus, dass die Unsicherheit die Preise derzeit stärker treibt als wirklicher Mangel. Kriegsbedingte Kostensteigerungen sind zurzeit noch gar nicht in Gänze beim Endverbraucher angekommen. Sie stecken aufgrund langfristiger Lieferverträge von Erzeugern und Herstellern vorwiegend vermutlich noch in den Lieferketten. Genauso sind leere Supermarktregale z. B. bei Speiseöl und Mehl aktuell vor allem auf die Angst vor Lebensmittel-Engpässen auf Verbraucherseite zurückzuführen.

Fakt ist aber zugleich: Die Ukraine ist die Kornkammer Europas. 36 Prozent des in die EU importierten Getreides und 16 Prozent der Ölsaaten stammen von dort. Russland und die Ukraine stehen für 29 Prozent der weltweiten Weizen-, 19 Prozent der Mais- und 78 Prozent der Sonnenblumenöl-Exporte. Zudem ist die Ukraine wichtiger Lieferant von Futtermais an die EU und China. Dennoch ist die Ernährungssicherheit in der EU nach Einschätzung von Experten nicht gefährdet. Ihre Mitgliedsländer sind in der Lage, sich selbst mit Lebensmitteln zu versorgen. Hunger droht hingegen in ohnehin schon armen Ländern, insbesondere im Mittleren Osten und Nordafrika. Erschwert wird die Lage durch den wochenlangen Lockdown des Tiefseehafens in Shanghai sowie die Blockade von Getreideladungen in der Ukraine durch Russland. Zudem ist so gut wie sicher, dass die nächste Ernte in der Ukraine aufgrund von fehlendem Saatgut, zerstörten oder verminten Agrarflächen usw. deutlich geringer ausfallen wird. Insofern ist anzunehmen, dass das Ende der Preisspirale noch nicht erreicht ist.

Bei aller Problematik, die die Ernährungsindustrie und Lebensmittelhandel derzeit umtreibt, ergibt sich aus der Situation auch eine, wenn auch Zeit erfordernde Chance. Nämlich diejenige, innerhalb Europas wieder größere Produktionskompetenz aufzubauen. Das Bewusstsein für Regionalität ist auf Verbraucherseite noch einmal gestiegen. Es gibt einen Drang nach autarker Lebensmittelversorgung. Die Regionalisierung beim Lebensmitteleinkauf ist einer der großen Konsumtrends unserer Zeit. Auch die deutsche Ernährungsindustrie setzt sich intensiv mit den aktuellen Herausforderungen auseinander und bietet Alternativen.

Interview mit der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE): „Der Markt wird angespannt bleiben“

Das sagt Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie Christoph Minhoff. Im Interview mit der Anuga zeigt er die Folgen der aktuellen Krisensituation für die Lebensmittelindustrie auf und gibt zugleich einen Ausblick auf alternative Lösungen, mit denen sich die Branche beschäftigt.

Christoph Minhoff, Copyrights BVE, Matthias Martin

Christoph Minhoff, Copyrights BVE, Matthias Martin

Herr Minhoff, mit welchen konkreten Folgen muss die deutsche, aber auch die europäische Lebensmittelindustrie rechnen, wenn die Preise von Rohstoffen und Energie weiter nach oben schießen?

Christoph Minhoff: Eine solche Krisensituation wie zurzeit hatten wir noch nicht: massive Kostensteigerungen bei Rohstoffen, Energie und Logistik. Knappheiten bei bestimmten Rohstoffen wie Pflanzenöl oder Tierfutter, aber auch bei Verpackungsmaterial wie Papier, Pappe, Glas, Kunststoff und Aluminium. Ab Herbst steigt der Mindestlohn, was weitere erhebliche Auswirkungen auf alle unteren Lohngruppen haben wird. Deshalb ist es kein Wunder, dass 80% der deutschen Lebensmittelhersteller planen, ihre Preise in den nächsten zwei Monaten zu erhöhen. Selbstverständlich tut die Ernährungsindustrie alles in ihrer Macht Stehende, um die gewohnte Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Uns muss aber allen klar sein, dass einige Unternehmen um ihre Existenz kämpfen. 90 Prozent der deutschen Ernährungsindustrie sind klein- und mittelständisch. Die enormen Kostensteigerungen infolge des Krieges bedrohen gerade diese Betriebe und damit die Vielfalt unserer Branche. Große wie kleine Unternehmen stehen vor der Herausforderung, dass sie gerade jetzt in ihre Zukunftsfähigkeit investieren müssten, die laufenden Kosten allerdings kaum noch kalkulieren können.

Andererseits können wir uns einen Investitions- und Innovationsstau nicht leisten. Das gilt für Deutschland wie für Europa. Welche konkreten Folgen sich einstellen werden, hängt davon ab, wie pragmatisch und lösungsorientiert alle Akteure und Entscheidungsträger mit der Situation umgehen.

Welche alternativen Lösungen bieten sich der Lebensmittelindustrie zur Herstellung?

Christoph Minhoff: Die Lebensmittelhersteller sind ideenreich und arbeiten lösungsorientiert. Daher werden in vielen Bereichen Alternativen gesucht, gefunden und eingesetzt, seien es Alternativen für Zutaten wie Raps- oder Palmöl für Sonnenblumenöl, Alternativen für bestimmte Verpackungsmaterialien oder Alternativen für die Energieversorgung durch Gas. Das Problem ist, dass weltweit zahlreiche Unternehmen und Branchen kurzfristig umstellen müssen. Dadurch werden auch die alternativen Rohstoffe teurer. Bei der Energieversorgung durch Gas können die Unternehmen außerdem nicht von heute auf morgen eine andere Energiequelle nutzen. Die Umstellung kostet Zeit und Geld, beides ist mitunter knapp. Bei der Verwendung anderer Zutaten muss geprüft werden, inwieweit die Eigenschaften passend sind. Olivenöl ist zum Beispiel nicht geschmacksneutral. Zugleich gibt es Schwierigkeiten mit der Kennzeichnung auf den im Voraus produzierten Verpackungen. Bei den Verpackungen eignet sich nicht jedes Material, schließlich darf die Sicherheit der Lebensmittel nicht gefährdet werden. Nichtsdestoweniger ist die Lage nicht aussichtlos. Sie zeigt nur, was wir seit Jahren fordern: Wir brauchen einen starken internationalen Handel, diversifizierte Lieferketten und politische Regelungen, die den Verantwortlichen in den Unternehmen genügend Spielraum geben, um auf solche Situationen angemessen reagieren zu können.

Welche Maßnahmen kann die EU ergreifen, um für Entspannung im Markt zu sorgen?

Christoph Minhoff:Solange weltweit die Corona-Pandemie und der Krieg in Europa andauern, wird auch der Markt angespannt bleiben. Die EU kann aber durchaus etwas tun: Wir müssen die Resilienz der Lebensmittelproduktion sowohl in Deutschland und als auch in Europa stärken. Dazu gehören weltweit offene Märkte und ein erleichterter Marktzugang in Krisenzeiten, um kurzfristig Versorgungsengpässe abzufangen. Die Maßnahmen des Green Deal müssen daher angesichts der historischen Herausforderungen überprüft werden. Und das heißt eben auch: Alle Lebensmittel, die wir in Deutschland und Europa nicht produzieren, erhöhen die Preise auf dem Weltmarkt und führen zu mehr Hunger in den Schwellen- und Entwicklungsländern. Alle Nachhaltigkeitsziele können nur erreicht werden, wenn die Hersteller wirtschaftlich überleben. Ansonsten verlagern wir nur die Probleme ins Ausland.